Shift

Schon zu Zeiten seiner "Straphitti"- Fotografien, um 1985, schilderte Wolfram Schmidt sein fotografisches Anliegen folgendermaßen: "Es geht mir nicht darum, Objekte als definierbare und klassifizierbare Einheiten darzustellen und Vorgänge in logischer Abfolge zu zeigen. Stattdessen möchte ich eigene Phantasien, Visionen, intuitive Sichtweisen durch meine Fotografien nach aussen tragen und den Betrachter einladen, sich auf ungewohnte Formen einzulassen." (Ausstellungskatalog "Positionen - Fotoarbeiten", Städtische Galerie ,Leerer Beutel' Regensburg, 1985, o. S.)
Waren es damals vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotos von Straßenbelägen, so besitzen diese Worte auch Gültigkeit für sein Fotokonzept "Shift,... verschieben, verändern, wechseln", das aufgrund der Aufnahme- und Montageweise in seiner Realisierung zu neuen Ergebnisse kommt. "Ungewohnte Formen" Regensburger Stadtarchitekturen tauchen in den fünf Farbfotos auf.
Die gestalterische Absicht gewinnt die Oberhand gegenüber der abbildhaften Wirklichtkeit: Letztere ist nur noch der auslösende Faktor für eine fotografische Bildfindung.
Überlagerungen von Flächenformen, identifizierbares und aufgelöstes in einen labilen Schwebezustand, farbliche Texturen mit bisweilen irrealem Charakter, all das läßt eine andere, artifiziell anmutende Bildweit entstehen. Die Um-Sandlung, Um-Formung oder Um-Gestaltung wird zur Antriebsfeder des Fotografen. Es geht nicht, wie bei Pop-Art-Künstlern, um eine Verfremdung des Sujets, vielmehr bezieht Wolfram Schmidt die Aura und die Wirkung des Objektes ein. Der genannte auslösende Faktor, ein Gebäude, ein Fluß oder ähnliches wird gleichsam "neu" erfunden.
Es entstehen neue Wirklichkeiten, ganz im Sinne des Blickwinkels von Otto Steinert und ganz im Sinne der Transformation, die zum festen Gedankengut der Kunstfotografie in den letzten zehn Jahren gehört:
Fremdes wird zur Folie für Eigenes.


Herbert Schneidler

LeiterStädtische Galerie Leerer Beutel, Regensburg